Die Flucht der Gottscheer aus der Untersteiermark
Die Flucht aus der Untersteiermark
Im April des Jahres 1945 begann die letzte Etappe der Gottscheer Leidenszeit. Immer hatten sich die Gottscheer zu ihrem angestammten Volkstum bekannt. Nun mussten sie unschuldig teilhaben am Zusammenbruch dieses Volkes. Dass diese Teilhabe mit dem Untergang der Gottscheer als geschlossene Volksgruppe endete, mag zur größten Tragik menschlichen Lebens zählen.
Mit Riesenschritten näherte sich der zweite Weltkrieg seinem Ende. Dann geschah alles schnell und katastrophenartig. Auf Drängen der Gottscheer Volksgruppenleitung kam endlich die zu spät erteilte Genehmigung von Graz her zum Aufbruch nach Norden. Es war der verspätete Ruf "Rette sich wer kann!" Am 8. Mai 1945 hieß es: Heute Mittag zieht alles los. Endlich! - Aber viel zu spät. Nur das notwendigste konnte auf Pferdewagen verstaut werden. Save aufwärts gegen Lichtenwald versuchten sie den Anschluss an die Täler nach Norden zu finden. Aber ehe sie Lichtenwald erreichten, waren sie von Partisanen umringt. Von hier aus ging es unter Eskortierung in Richtung Steinbrück. Wiederholte Gepäckskontrollen sorgten dafür, dass die Gottscheer zuerst ihre Pferdewagen, dann ihre Bündel, schließlich ihre Handtaschen und bis sie ins Lager Sterntal bei Pettau oder Thesen
bei Marburg eingeliefert wurden, auch noch ihr Geld und Ausweispapiere loswurden. Was an Gottscheern nach und nach aus jugoslawischen Lagern nach Österreich kam, waren im wahrsten Sinn des Wortes Überlebende.
Mit leeren Händen, halb verhungert, in völliger Verzweiflung erreichten sie Gottscheer als Flüchtlinge die österreichische Grenze. Ausweglos, von allen im Stich gelassen, so standen die aus ihrer über 600 Jahre angestammten Heimat Umgesiedelten und nun Vertriebenen da. In Österreich fanden die Flüchtlinge wieder eine menschliche Aufnahme, auch wenn es zum Großteil in Barackenlagern war. Viele Gottscheer fanden bald nach Kriegsende wieder eine Beschäftigung. Ein großer Teil wanderte in den 50er Jahren nach den USA oder Kanada aus. Der verbliebene Rest half beim Wirtschaftsaufbau in Österreich oder Deutschland.
Heute nach 85 Jahren sind die Gottscheer in ihrer neuen Heimat integriert, sie sind Amerikaner, Deutsche oder Österreicher. Mit den letzten in der alten Heimat Geborenen stirbt die schöne Gottscheer Mundart mit ihren mittelhochdeutschen Grundlagen aus. Nur in Büchern, Zeitschriften, Museen und Gedenkstätten wird man vom einst so zähen, tapferen und stolzen Volk zu berichten wissen.