Das Gottscheer Lied Teil 1
Text: Gottscheer Kalender der Gottscheer Gedenkstätte Graz - Mariatrost
Wo Menschen zusammenkommen und singen, entsteht mehr als nur Klang – es entsteht Gemeinschaft. Für die Gottscheer war das Singen über Jahrhunderte hinweg ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Ihre Lieder begleiteten sie bei der Arbeit, in stillen Stunden und bei festlichen Anlässen.
Der reiche Schatz umfasst Balladen, geistliche Lieder, Legenden sowie heitere Weisen und Kinderlieder. Manche dieser Lieder reichen weit zurück in die Zeit der ersten Siedler, die sie aus deutschen Landschaften mitbrachten. Andere fanden durch wandernde Händler ihren Weg nach Gottschee und wurden dort in Mundart und Inhalt an die neue Heimat angepasst. Wieder andere entstanden direkt vor Ort und erzählen von Ereignissen, die das Leben der Menschen prägten. Auffallend ist die Schlichtheit dieser Lieder. Ohne große Ausschmückung berichten sie von Freude und Leid, von Glaube und Alltag. Ihre Sprache ist klar, ihre Melodien oft ruhig und getragen. Selbst in weltlichen Liedern klingt eine tiefe Frömmigkeit mit. Die Strophen sind meist kurz, die Form einfach – gerade das macht sie eingängig und lebendig.
Gesungen wurde überall: beim Spinnen, bei der Feldarbeit, beim Maisschälen oder an lauen Sommerabenden vor dem Haus. Einer begann – der Vorsänger –, ein zweiter führte die Stimme darüber, und bald stimmten alle ein. Es war kein Wettstreit, sondern ein gemeinsames Erleben. Jeder hatte seinen Platz, selbst der „Brummer“, der nicht ganz den Ton traf.
Ein besonders bekanntes Lied ist „De Meararin“, die Geschichte von der Frau am Meer. Es ist bemerkenswert, dass gerade ein Bergvolk ein Lied vom Meer bewahrt hat – ein leiser Hinweis auf die weiten Wege, die diese Lieder einst zurückgelegt haben, etwa bis zum alten Gudrunlied.
Dass dieser Liederschatz nicht verloren ging, ist dem Einsatz engagierter Sammler zu verdanken. Unter der Leitung von Hans Tschinkel wurden Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Lieder aufgezeichnet. Gemeinsam mit Josef Perz, Wilhelm Tschinkel und Adolf Hauffen entstand eine bedeutende Sammlung, die später in einer umfangreichen Gesamtausgabe veröffentlicht wurde.
Das Gottscheer Lied Teil 2
Text: Gottscheer Kalender der Gottscheer Gedenkstätte Graz - Mariatrost
Doch nicht nur Bücher bewahrten die Lieder – auch die Menschen selbst. In den 1950er-Jahren fanden sich im Flüchtlingslager Kapfenberg Kinder zusammen, um diese Tradition weiterzuführen. Unter der Leitung von Ella Rössel sangen sie die alten Weisen, begleitet und unterstützt von Heinrich Wittine. Zu diesen Kindern gehörten auch die Schwestern Edith und Traude und Sofie Gliebe, die die Gottscheer Lieder mit großer Hingabe erlernten und bis heute bewahrt haben.
Ob bei Reisen in die alte Heimat, bei Gottesdiensten oder bei Zusammenkünften der Gottscheer Gedenkstätte –
ihr Gesang hält die Erinnerung lebendig und verbindet Generationen.
So tragen die Gottscheer ihre Lieder weiter – als klingendes Erbe ihrer Geschichte. Denn ein Lied vergeht nicht, solange es Menschen gibt, die es singen.